Teil10

Die Lehrkräfte und meine Betreuer hatten von mir mindestens genau so die Nase voll, wie ich von ihnen. Man diskutierte nicht mehr mit mir, sondern sperrte mich schon bei jeder Kleinigkeit in mein Zimmer aus Angst, die Situation würde wieder eskalieren. Immer öfter wurde mir unterstellt, ich würde die anderen Kinder mit meinem Verhalten anstecken und sogar der Leiter dieses Idiotenvereins war der Meinung ich bringe alles dort durcheinander. Irgendwie hatten sie Recht. Mein Name war in jeder Klasse und in den Wohngruppen in aller Munde, man sprach ständig über mich und mir gefiel es. Viele hörten auf mein Kommando und viele rebellierten mit. Manche Abendessen eskalierten und endeten in unseren Zimmern, Ausgangssperre oder Küchendienst waren die Konsequenzen. Ich wurde überhäuft mit Adjektiven, die mich und mein Verhalten beschreiben sollten, rotzfrech gefiel mir immer am besten.

Eines Tages brach ich aus. Ein Fenster im Erdgeschoss ließ sich öffnen, kein Erzieher wusste davon. Das wichtigste packte ich in meinen Rucksack, in das Fach ganz vorne dein Foto, kletterte raus und machte mich auf den Weg zum nächsten Bus in Richtung Bahnhof, auf nimmer Wiedersehen Baden-Baden, ich hasse dich. Für gewöhnlich alarmierte das Heim in solch einem Fall die Polizei, aber keiner griff zum Telefon, im Gegenteil. Ganz in Ruhe und ohne mich zu beeilen setzte ich einen Fuß vor den anderen, weil ich wusste, ich müsse vor niemandem davonrennen, ich wusste, sie würden nichts dafür tun, mich zurückzuholen. Ein Gefühl versicherte mir, dass sie mich mit Freude gehen ließen und erleichtert die Unterlagen für meinen lang ersehnten Rausschmiss herrichteten.

20.5.17 21:47

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