Teil9

Ich schnitt mich wieder öfter als die Wochen davor, hier fing ich auch wieder an Tagebuch zu schreiben, manche Seiten schrieb ich sogar mit Blut. An einem Mittag schnitt ich mich im Bad viel zu sehr, sodass die weißen Fließen plötzlich Farbe annahmen. Natürlich blieb auch das nicht unbemerkt in diesem Gefängnis aber helfen wollte mir hier keiner, deshalb wurde ich mal wieder bestraft – Ausgangssperre, Isolation war hier Hauptbestandteil der Therapie. Als ich auch das letze Bisschen Respekt vor all dem hier verlor, fing ich an zu rebellieren, pinkelte mit offener Tür, die dummen Blicke der Null-Bock-Erzieherinnen waren einfach unbezahlbar, ich amüsierte mich. Es machte mir Spaß, gegen alles anzukämpfen, immer das Gegenteil von dem zu tun, was ich sollte und mich über andere zu stellen. Selbstmitleid war langweilig geworden, zumindest tagsüber. In den Tag stürzte ich mich mit frechem Mundwerk und einem provokantem Grinsen, die Nacht würde es mir schon noch heimzahlen. Und genau so war es auch. Man kannte mich als das, was ich nicht war, sondern vorgab zu sein, als selbstbewusste, arrogante Göre. Man kaufte mir mein Schauspiel ab und schon bald fragte keiner mehr nach meinen Schnitten und auch die bemitleidenden Blicke der anderen verblassten. Endlich war alles einfacherer, denn es amüsierte mich sogar, dass sie meine psychologischen Beurteilungen über das Verhalten schrieben, mit dem ich alle an der Nase herumführte. Endlich konnte ich alleine weinen und an dich denken, endlich fragte keiner mehr, wie es mir geht und ob ich traurig sei. Doch glaub mir, ich war es mehr als je zu vor, denn du warst noch nie so weit weg. Aber Engel, ich war so stark.

20.4.17 10:32

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