Teil8

Baden-Baden war also die nächste Haltestation auf meiner Reise ins Versagen. Ein Kinder-und Jugendheim durfte nun also die Ehre mit mir haben und stellte mir ein Einzelzimmer zur Verfügung. Mehr als eine 1,60m mickrige Person hätte hier auch nicht reingepasst, ein Wunder, dass diese Abstellkammer ein Fenster hatte. Die Fenster waren hier verriegelt aber das kannte ich ja schon, Wände, die einen erdrückten und Fenster und Türen, die einen einsperrten. Ich hatte nicht viel mitgenommen von Zuhause, weil ich mir ziemlich sicher war, dass das hier nicht lange mein Zuhause sein wird. Unter meinem allerdings selbst mitgebrachtem Kissen lag dein Foto und gab mir Kraft in der ersten Nacht als Heimkind. Das schlimmste war, dass ich nichts deiner Mailbox erzählen konnte, denn ich hatte hier kein Handy mehr. Wir durften hier nichts besitzen, nichts bestimmen, am besten gar nichts sagen und bestenfalls auch nicht atmen.

Von nun an war ich in der Obhut von Therapeuten und Psychologen, hier ging ich auch auf eine Schule, wenn man diesen Kindergarten so bezeichnen kann. Eine fünfköpfige Klasse brachte unsere absolut inkompetente und überforderte Lehrerin fast jeden Tag zur Weißglut, asoziale Kinder, Autisten, Mobbingopfer - der perfekte Cocktail für die Seele einer Lehrkraft. Ich war ebenfalls alles andere als einfach. Ständig schickte man mich aus dem Unterricht, zurück in meine Wohngruppe, in der ich dann zur Strafe den Küchendienst erledigen musste oder ganz einfach in meiner Abstellkammer vor mich hin vegetierte. Mein CD-Player spielte die Platte von Sum41 hoch und runter, auf und ab, bis die Lieder nicht mehr schmerzten, sondern wie Geräusche des Alltags an mir vorbeizogen. Ich dachte hier so viel an dich, hoffte, du hörst meine Gedanken, doch diese Fenster waren verriegelt.

20.4.17 09:49

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