Teil5

Zweiundfünfzig Augen glotzten mich an, inklusive die des Lehrers, der vorne an der Tafel neben mir stand. Wie gerne ich ihre leeren, unwissenden, naiven und fiesen Augen ausreißen würde aber ich war es gewohnt die Neue zu sein. Ich lieferte mich einfach aus, sollten sie doch schauen. In ihrem Leben war das wohl eins der spannendsten Dinge bisher. Es erfüllte ihre Herzen mit Freude und Neugier nach vorne in Richtung Tafel zu schauen und mich von oben bis unten mit Blicken zu durchbohren. So stand ich da, vor sechsundzwanzig Gesichtern, mit den Händen in der Hosentasche, dein Foto zwischen Handfläche und Oberschenkel.

So schnell wie ich die Neue war, war ich auch ein alltäglicher Besucher der Privatschule, jeden Morgen erschien ich zum Frühstück, gemeinsam mit meiner Zimmergenossin. Nachdem wir circa einen Liter Tee in uns kippten und uns zwangen Honigbrote zu essen ging ich noch mal hoch in unser Zimmer, holte meine Schultasche, legte dein Foto zwischen die ersten Seiten meines Tagebuches und schlenderte lustlos in den Unterricht. Ein Mädchen namens Wiktoria wurde schon in den ersten Tagen auf meine Arme aufmerksam, sie sahen aber auch schlimm aus, verwunderlich, dass mich nicht jeder darauf ansprach. Wahrscheinlich sahen die meisten das Schlachtfeld, halb bedeckt von meinem Pullover, nur die meisten wüssten nicht was sie sagen oder fragen sollten. Wiktoria fragte mich. Sie fragte warum ich mir das antat und ob es weh tun würde. Was für eine dämliche Frage. Ob es weh tun würde, natürlich tat es weh, jeder Schnitt tat weh, nicht doch auf der Haut, im Herzen, der eigene Anblick tat weh. Weil ich an dich dachte, wann immer ich mich schnitt. Aber diese Frage beantwortete ich ihr mit einem „nein“, ich musste stark bleiben, ich wollte nie wieder an diesen Ort zurück, an dem es Fester aus Panzerglas gab.

 Respektlos und frech waren die meist genutzten Adjektive, wenn die Lehrer sich über mich bei der Rektorin beschwerten. Ständig wurde mein Name an den Rand im Tagebuch von den verschiedensten Lehrkräften gekitzelt, vor die Tür verwiesen, stört den Unterricht. Ich fiel ständig auf, meine Zukunft hatte ich aufgegeben, eine Zukunft ohne dich wollte ich nicht, also war es mir egal was mit mir passiert oder wo sie mich als nächstes hin steckten. Du würdest sowieso nicht erscheinen, dich melden oder mich abholen und für immer mit mir verschwinden. Also tat ich worauf ich Lust hatte, redete mit den Menschen wie ich wollte, ich war anti geworden. Anti alles, anti Regeln. Es gab keine Regeln für mich, keine Grenzen, ich wollte Stärke zeigen. Jeder sollte sehen, dass man mich nicht verletzen kann, dass ich nichts uns niemanden an mich ran ließ. Ich war es satt bemitleidet zu werden, ich hatte die Fragen satt, ich wollte nicht mehr von dir erzählen, also wurde ich zum Kämpfer. Nach jeder Schlacht mit mir selbst in der Nacht rüstete ich mich morgens mit meinen Waffen der Provokation und trug mein Schutzschild aus Ignoranz.

19.4.17 17:14

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