Teil7

Zu meinem Selbstzerstörungsprogramm gehörten nicht nur die falschen Freunde, ich hatte auch einen Freund. Kennengelernt hatte ich ihn im Internet, war genauso originell wie mein Emo-Auftreten mit Pony im Gesicht und schwarz umrandeten Augen. Lore, mein Internetlover war gepierct und tätowiert, war aber eigentlich ganz lieb, wir telefonierten viel und schrieben den ganzen Tag. Irgendwann vergaß ich sogar dich regelmäßig anzurufen, manchmal vergaß ich abends zu weinen, dass ich dich liebte und manchmal sogar, dass du existierst.

Inzwischen wurde auch das Jugendamt eingeschaltet, Frau Scheurer diese fette, nervige und immer alles besser wissende Beamtenkuh tauchte ständig hier auf und wollte mir helfen eine neue Schule zu finden. Sie war es auch, die meine Eltern auf die Idee brachte mich in ein Heim für schwererziehbare Kinder abzuschieben. Es wunderte mich nicht, dass meine Eltern dies bejahten und ich tat es auch. Es war lächerlich, wie sie alle so taten als dürfe ich mitentscheiden und als würden sie nur mein Bestes wollen aber ich gab ihnen mein Einverständnis mit mir zu machen was immer sie wollten. Vielleicht täte es mir ja gut Abstand von all dem Pack hier zu bekommen und wieder irgendwo zu leben, wo ich nicht ständig die Angst hatte du begegnest mir an der nächsten Ecke.

19.4.17 17:15, kommentieren

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Teil6

Mein Vater saß links neben mir, meine Mutter rechts und an dem Tisch gegenüber die Rektorin, die leicht in ihrem Stuhl wippte. An diesem Tag warf sie mich raus, ich sollte meine Koffer packen und zurück nach Hause ziehen. Im Augenwinkel konnte ich sehen wie meine Mutter versuchte ihre Tränen zurückzuhalten, ihr Unterkiefer zitterte wie verrückt. Wie viel Enttäuschungen sie wohl noch ertragen könnten? Alles was mir in diesem Moment durch den Kopf ging warst du. Was, wenn ich dich wieder sehen und du einfach an mir vorbei gehen würdest? Ob du dich in den Monaten wohl verändert hattest? Selbst wenn, ich war mir sicher du würdest immer noch der schönste Mensch auf diesem Planeten sein.

Die Autofahrt fühlte sich an wie eine tagelange Reise ins Fegefeuer. Das Radio rettete uns mit schrecklicher Charts-Musik und Nachrichten vor einem eisernem Schweigen. Mit jeder Reifenumdrehung fuhren wir näher in deine Richtung und ich hatte nicht einmal die Möglichkeit diese Nachricht deiner Mailbox zu verkünden. Zuhause angekommen schloss ich meine Zimmertür hinter mir und rief dich an, aber ich wurde nur von der Stimme deiner Mailbox begrüßt. Du hattest mich mal deinen Engel genannt, das fiel mir unter Tränen auf dem Boden meines Zimmers wieder ein und in diesem Moment wünschte ich mir, dass meine Flügel fliegen könnten, direkt zu dir in deine Arme.

Vorerst hatte ich keine Schule, mein Leben hing in dein Seilen und weder ich, noch meine Eltern wussten wie es weitergehen sollte mit mir. Oft war ich mit Chiara, meiner damaligen besten Freundin in der Stadt unterwegs, in der ich dich kennenlernte. Wir liefen einfach nur herum, was mich innerlich auffraß, weil ich immer diese Angst hatte dir plötzlich über den Weg zu laufen und dann nicht die richtigen Worte zu finden. Fast schon paranoid suchten dich meine Blicke in jedem Winkel der Stadt aber nie bekam ich dich zu Gesicht, wo warst du denn nur? Ich hatte dir doch so viel zu erzählt von all dem was mir angetan wurde, von all dem was ich mit mir machen ließ, nur um dich wiederzusehen, also wo warst du?

So gut wie jedes Wochenende kippte ich Selbstmitleid in flüssiger Form aus Plastikbechern in mich rein, bis ich es wieder auskotze. Nachgeschmack Wodka-O. Kopfkarussel, Küsse, Fummelei, kotzen. Meine Eltern warfen mir täglich eine Moralpredigt und Vorwürfe an den Kopf, manchmal auch Hausschuhe, aber was machte das schon, ich spürte nichts von all dem. Meinen Vorrat an Emotionen hatte ich für die nächsten Monate schon aufgebraucht. Inzwischen war mir wirklich alles geworden, mein Körper verwahrloste durch Drogen und Alkohol, meine Familie hasste mich, weil ich nichts als Ärger bereitete. Auch mein Ruf in der gesamten Umgebung hatte sich mittlerweile an mein Verhalten angepasst, sogar mein Kleidungsstil ließ zu wünschen übrig. Ich färbte mir die Haare bunt, trug tiefe Ausschnitte, obwohl ich nicht mal Brüste hatte auf die ich hätte stolz sein können. Hatte versucht eine Frau zu sein aber wusste immer, dass ich mich eigentlich nur lächerlich machte. Wie hätte ich mich auch schön finden können? Wenn ich es wäre, hättest du mich gewollt aber ich war in deinen Augen ein Kind und in meinen hässlich und unbrauchbar.

19.4.17 17:14, kommentieren