Teil10

Die Lehrkräfte und meine Betreuer hatten von mir mindestens genau so die Nase voll, wie ich von ihnen. Man diskutierte nicht mehr mit mir, sondern sperrte mich schon bei jeder Kleinigkeit in mein Zimmer aus Angst, die Situation würde wieder eskalieren. Immer öfter wurde mir unterstellt, ich würde die anderen Kinder mit meinem Verhalten anstecken und sogar der Leiter dieses Idiotenvereins war der Meinung ich bringe alles dort durcheinander. Irgendwie hatten sie Recht. Mein Name war in jeder Klasse und in den Wohngruppen in aller Munde, man sprach ständig über mich und mir gefiel es. Viele hörten auf mein Kommando und viele rebellierten mit. Manche Abendessen eskalierten und endeten in unseren Zimmern, Ausgangssperre oder Küchendienst waren die Konsequenzen. Ich wurde überhäuft mit Adjektiven, die mich und mein Verhalten beschreiben sollten, rotzfrech gefiel mir immer am besten.

Eines Tages brach ich aus. Ein Fenster im Erdgeschoss ließ sich öffnen, kein Erzieher wusste davon. Das wichtigste packte ich in meinen Rucksack, in das Fach ganz vorne dein Foto, kletterte raus und machte mich auf den Weg zum nächsten Bus in Richtung Bahnhof, auf nimmer Wiedersehen Baden-Baden, ich hasse dich. Für gewöhnlich alarmierte das Heim in solch einem Fall die Polizei, aber keiner griff zum Telefon, im Gegenteil. Ganz in Ruhe und ohne mich zu beeilen setzte ich einen Fuß vor den anderen, weil ich wusste, ich müsse vor niemandem davonrennen, ich wusste, sie würden nichts dafür tun, mich zurückzuholen. Ein Gefühl versicherte mir, dass sie mich mit Freude gehen ließen und erleichtert die Unterlagen für meinen lang ersehnten Rausschmiss herrichteten.

20.5.17 21:47, kommentieren

Werbung


Teil9

Ich schnitt mich wieder öfter als die Wochen davor, hier fing ich auch wieder an Tagebuch zu schreiben, manche Seiten schrieb ich sogar mit Blut. An einem Mittag schnitt ich mich im Bad viel zu sehr, sodass die weißen Fließen plötzlich Farbe annahmen. Natürlich blieb auch das nicht unbemerkt in diesem Gefängnis aber helfen wollte mir hier keiner, deshalb wurde ich mal wieder bestraft – Ausgangssperre, Isolation war hier Hauptbestandteil der Therapie. Als ich auch das letze Bisschen Respekt vor all dem hier verlor, fing ich an zu rebellieren, pinkelte mit offener Tür, die dummen Blicke der Null-Bock-Erzieherinnen waren einfach unbezahlbar, ich amüsierte mich. Es machte mir Spaß, gegen alles anzukämpfen, immer das Gegenteil von dem zu tun, was ich sollte und mich über andere zu stellen. Selbstmitleid war langweilig geworden, zumindest tagsüber. In den Tag stürzte ich mich mit frechem Mundwerk und einem provokantem Grinsen, die Nacht würde es mir schon noch heimzahlen. Und genau so war es auch. Man kannte mich als das, was ich nicht war, sondern vorgab zu sein, als selbstbewusste, arrogante Göre. Man kaufte mir mein Schauspiel ab und schon bald fragte keiner mehr nach meinen Schnitten und auch die bemitleidenden Blicke der anderen verblassten. Endlich war alles einfacherer, denn es amüsierte mich sogar, dass sie meine psychologischen Beurteilungen über das Verhalten schrieben, mit dem ich alle an der Nase herumführte. Endlich konnte ich alleine weinen und an dich denken, endlich fragte keiner mehr, wie es mir geht und ob ich traurig sei. Doch glaub mir, ich war es mehr als je zu vor, denn du warst noch nie so weit weg. Aber Engel, ich war so stark.

20.4.17 10:32, kommentieren