Teil12

Wieder hing ich viel zu viel Zuhause herum, mein Zimmer fraß mich jede Nacht bei lebendigem Leibe auf und obwohl ich jeden Abend mit Chiara telefonierte, fühlte ich mich so einsam. Du reagiertest auf keine meiner Nachrichten und immer wenn ich dich anrief, sprach ich mit deiner Mailbox. Mein Herz blutete, ich vermisste dich so sehr, es tat so weh, dass ich es kaum ertrug. Kaum waren die einen Wunden verheilt, zierten schon die nächsten meine Arme. Irgendwann waren so viele, dass ich keinen Platz mehr fand und schnitt mich in die Oberschenkel. Es tat weh beim anziehen von Pullovern, es brannte unter der Dusche und es juckte, wenn es verheilte. Doch es half, zumindest fühlte es sich für kleine Augenblicke so an.

Einige Wochen vergingen rasend schnell, die anderen schienen nie zu Ende zu gehen. Während ich mich jedes Wochenende betrank und in den schmierigsten Ecken abhing, suchten meine Eltern und diese Jugendamttussi eine neue Schule für mich. Ich solle auf eine Mädchenschule gehen, so schrieb der Leiter aus Baden-Baden, es sei seine dringenste Empfehlung. Ich lachte mich tot, als ich seinen ausführlichen Abschlussbericht über mich laß. Dieser Hampelmann hat sich echt von mir provozieren lassen, wie ein beleidigtes Kleinkind beschwerte er sich über mein Verhalten. Meine Eltern und die Jugendamttussi aber nahmen sich seine Worte zu Herzen und fanden schließlich eine Schule in Stuttgart, auf der ich sicher gut aufgehoben sei zwischen all den Mädchen. Ich hätte kotzen können. Ich hasste Mädchen, ich konnte noch nie lange mit einer weiblichen Person befreundet sein, mein Umfeld bestand immer aus Jungs. Mir blieb aber keine andere Wahl, ich war vierzehn und musste zur Schule gehen. In den nächsten Wochen sollte also die nächste Hölle beginnen.

 

27.5.17 17:02, kommentieren

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Teil11

Zug fahren hatte sich noch nie zuvor so seltsam angefühlt. Irgendwie hatte ich erwartet, dass ich aufgeregt in Richtung Heimat fuhr, doch ich war total ruhig. Meine Augen schauten aus dem Fenster, doch meine Blicke blieben nirgends hängen. Es war mir nicht klar, was ich fühlte, bis du wieder in meinen Gedanken auftauchtest. Dieser Zug brachte mich wieder zurück zu dir, zumindest in deine Richtung. Ich hatte dich lange nicht mehr gesehen, ein paar Monate schon. Auf dem Foto von dir, das ich die ganze Zugfahrt in den Händen hielt sahst du so glücklich aus. So glücklich warst du mit mir nie, aber ich würde dich noch hundertmal glücklicher machen, deshalb war auf dem Weg zurück zu dir.

Mein Vater empfing mich am Bahnhof in Eutingen. Mein Herz raste während ich auf sein Auto zulief, ich hatte Angst vor seinen Worten und auch Angst vor seinen Schlägen. Doch meine Angst verflog schlagartig, als er mich anlächelte, mir eine Vesperdose mit selbst geschmierten Brötchen reichte und mir sagte er bringe mich zu dem Festival, auf dem ich mit Lennard verabredet war. Innerhalb von Stunden ging ich durch die Hölle und schwebte dann wieder auf Wolke sieben, ich war frei, ich war wieder da und bald schon würde ich bestimmt alles wieder gut machen, Engel.

 

 

27.5.17 16:40, kommentieren