Teil13

Das Verhältnis zwischen mir und meinen Eltern hätte kaum schlechter sein können. Wir redeten nicht miteinander, wir schwiegen oder schrien uns an. Meinen Vater sah ich kaum noch, er hatte die Schnauze voll und ging diesem Familiendrama aus dem Weg, behauptete, er würde den ganzen Tag arbeiten, ich glaubte seinen Lügen nicht aber eigentlich war es mir auch ziemlich egal. Meine Mutter hingegen versuchte sich das Leben mit mir so gut es ging erträglich zu machen. Obwohl zwischen uns die höchsten und dicksten Mauern standen , hatten wir auch ab und zu schöne Momente, sie kochte noch immer für mich und manchmal nahm sie mich nach der Schule in den Arm. Sie war am Ende ihrer Kräfte aber ich zweifelte nie eine Sekunde an ihrer Liebe.

Die Stuttgarter Schule war gar nicht so scheiße, wie ich es erwartete. Meine Mitschülerinnen waren erstaunlich erträglich, ich war mir sicher, dass das daran lag, dass sie die Stadt gewohnt waren. Die Schulen in Dörfern und Kleinstädten wie Horb waren Herbergen für zurückgebliebene Lästermäuler. Hier war es anders, keine fragenden Blicke oder dreiste Fragen wegen meinen Armen. Das Gemetzel sah ein Blinder aus fünf Metern Entfernung aber hier verurteilte mich vorerst keiner. Ich verliebte mich in Stuttgart, ging nach der Schule oft noch in die Stadt und kam erst am späten Abend nach Hause. Meistens nüchtern, manchmal betrunken.

Egal in welchem Zustand ich mich befand, ich schrieb jeden Tag in mein Tagebuch. Mit Menschen sprach ich nicht mehr über dich, ich schämte mich mitlerweile dafür, dich nach all dem nicht an meiner Seite zu haben. Wenn mich jemand aus meiner Gegend oder meinem Freundeskreis auf dich ansprach, tat ich cool und unberührt, du würdest mir schon lange nichts mehr bedeuten und ich sei zu gut für dich, du hättest mich nicht verdient. Je betrunkender ich war, desto mehr glaubte ich meinen armseligen Worten. Wenn ich betrunken war, glaubte ich alles was ich mir einredete und manche glaubten mir auch. Es passierte einige Male, dass frühere Mitschüler oder flüchtige Bekannte mich anschrieben auf Facebook. Einige Mädels schrieben mir, wie sie mich bewunderten für meine Stärke. Sie würden die Geschichte mit dir grob kennen und schauen deshalb zu mir auf. Was für eine Lüge hatte ich mir da bloß aufgebaut? Die Leute glaubten ich sei über dich hinweg und sie glaubten ich sei stark, dabei glaubte ich selbst nicht mal mehr daran, jemals wieder glücklich zu sein. Ich gab Mädchen die Illusion ich wäre daran gewachsen und gab ihnen Tipps in der Hoffnung, dass niemand auf dieser Welt so wird wie ich.

18.6.17 16:55, kommentieren

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Teil12

Wieder hing ich viel zu viel Zuhause herum, mein Zimmer fraß mich jede Nacht bei lebendigem Leibe auf und obwohl ich jeden Abend mit Chiara telefonierte, fühlte ich mich so einsam. Du reagiertest auf keine meiner Nachrichten und immer wenn ich dich anrief, sprach ich mit deiner Mailbox. Mein Herz blutete, ich vermisste dich so sehr, es tat so weh, dass ich es kaum ertrug. Kaum waren die einen Wunden verheilt, zierten schon die nächsten meine Arme. Irgendwann waren so viele, dass ich keinen Platz mehr fand und schnitt mich in die Oberschenkel. Es tat weh beim anziehen von Pullovern, es brannte unter der Dusche und es juckte, wenn es verheilte. Doch es half, zumindest fühlte es sich für kleine Augenblicke so an.

Einige Wochen vergingen rasend schnell, die anderen schienen nie zu Ende zu gehen. Während ich mich jedes Wochenende betrank und in den schmierigsten Ecken abhing, suchten meine Eltern und diese Jugendamttussi eine neue Schule für mich. Ich solle auf eine Mädchenschule gehen, so schrieb der Leiter aus Baden-Baden, es sei seine dringenste Empfehlung. Ich lachte mich tot, als ich seinen ausführlichen Abschlussbericht über mich laß. Dieser Hampelmann hat sich echt von mir provozieren lassen, wie ein beleidigtes Kleinkind beschwerte er sich über mein Verhalten. Meine Eltern und die Jugendamttussi aber nahmen sich seine Worte zu Herzen und fanden schließlich eine Schule in Stuttgart, auf der ich sicher gut aufgehoben sei zwischen all den Mädchen. Ich hätte kotzen können. Ich hasste Mädchen, ich konnte noch nie lange mit einer weiblichen Person befreundet sein, mein Umfeld bestand immer aus Jungs. Mir blieb aber keine andere Wahl, ich war vierzehn und musste zur Schule gehen. In den nächsten Wochen sollte also die nächste Hölle beginnen.

 

27.5.17 17:02, kommentieren