Teil9

Ich schnitt mich wieder öfter als die Wochen davor, hier fing ich auch wieder an Tagebuch zu schreiben, manche Seiten schrieb ich sogar mit Blut. An einem Mittag schnitt ich mich im Bad viel zu sehr, sodass die weißen Fließen plötzlich Farbe annahmen. Natürlich blieb auch das nicht unbemerkt in diesem Gefängnis aber helfen wollte mir hier keiner, deshalb wurde ich mal wieder bestraft – Ausgangssperre, Isolation war hier Hauptbestandteil der Therapie. Als ich auch das letze Bisschen Respekt vor all dem hier verlor, fing ich an zu rebellieren, pinkelte mit offener Tür, die dummen Blicke der Null-Bock-Erzieherinnen waren einfach unbezahlbar, ich amüsierte mich. Es machte mir Spaß, gegen alles anzukämpfen, immer das Gegenteil von dem zu tun, was ich sollte und mich über andere zu stellen. Selbstmitleid war langweilig geworden, zumindest tagsüber. In den Tag stürzte ich mich mit frechem Mundwerk und einem provokantem Grinsen, die Nacht würde es mir schon noch heimzahlen. Und genau so war es auch. Man kannte mich als das, was ich nicht war, sondern vorgab zu sein, als selbstbewusste, arrogante Göre. Man kaufte mir mein Schauspiel ab und schon bald fragte keiner mehr nach meinen Schnitten und auch die bemitleidenden Blicke der anderen verblassten. Endlich war alles einfacherer, denn es amüsierte mich sogar, dass sie meine psychologischen Beurteilungen über das Verhalten schrieben, mit dem ich alle an der Nase herumführte. Endlich konnte ich alleine weinen und an dich denken, endlich fragte keiner mehr, wie es mir geht und ob ich traurig sei. Doch glaub mir, ich war es mehr als je zu vor, denn du warst noch nie so weit weg. Aber Engel, ich war so stark.

20.4.17 10:32, kommentieren

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Teil8

Baden-Baden war also die nächste Haltestation auf meiner Reise ins Versagen. Ein Kinder-und Jugendheim durfte nun also die Ehre mit mir haben und stellte mir ein Einzelzimmer zur Verfügung. Mehr als eine 1,60m mickrige Person hätte hier auch nicht reingepasst, ein Wunder, dass diese Abstellkammer ein Fenster hatte. Die Fenster waren hier verriegelt aber das kannte ich ja schon, Wände, die einen erdrückten und Fenster und Türen, die einen einsperrten. Ich hatte nicht viel mitgenommen von Zuhause, weil ich mir ziemlich sicher war, dass das hier nicht lange mein Zuhause sein wird. Unter meinem allerdings selbst mitgebrachtem Kissen lag dein Foto und gab mir Kraft in der ersten Nacht als Heimkind. Das schlimmste war, dass ich nichts deiner Mailbox erzählen konnte, denn ich hatte hier kein Handy mehr. Wir durften hier nichts besitzen, nichts bestimmen, am besten gar nichts sagen und bestenfalls auch nicht atmen.

Von nun an war ich in der Obhut von Therapeuten und Psychologen, hier ging ich auch auf eine Schule, wenn man diesen Kindergarten so bezeichnen kann. Eine fünfköpfige Klasse brachte unsere absolut inkompetente und überforderte Lehrerin fast jeden Tag zur Weißglut, asoziale Kinder, Autisten, Mobbingopfer - der perfekte Cocktail für die Seele einer Lehrkraft. Ich war ebenfalls alles andere als einfach. Ständig schickte man mich aus dem Unterricht, zurück in meine Wohngruppe, in der ich dann zur Strafe den Küchendienst erledigen musste oder ganz einfach in meiner Abstellkammer vor mich hin vegetierte. Mein CD-Player spielte die Platte von Sum41 hoch und runter, auf und ab, bis die Lieder nicht mehr schmerzten, sondern wie Geräusche des Alltags an mir vorbeizogen. Ich dachte hier so viel an dich, hoffte, du hörst meine Gedanken, doch diese Fenster waren verriegelt.

20.4.17 09:49, kommentieren